- Text: Therese Mausbach
- Fotos: Zooey Braun

Die holzverkleidete Technikzentrale auf der linken Seite weist auf die neue Funktion des Ortes hin.
Multifunktion und Hofsituation
Als verbindende Glieder zwischen dem Museum und dem
neuen Querflügel dienen Stahlstege, die durch die Scheune
zum dahinterliegenden neuen Erschließungsbauwerk leiten. Es
erweitert den denkmalgeschützten Ursprungsbau durch eine
Treppe, den barrierefreien Zugang und Sanitäranlagen. Der
Anbau führt die Kubatur des Bestands mit geneigtem Dach fort.
Entlang des Weinhangs geht er in einen multifunktionalen
Flachbau über, wodurch eine Hofsituation entsteht und die
Sicht auf die dahinterliegende kultivierte Landschaft frei wird.
Lokale Veranstaltungen wie kommunale Sitzungen, Lesungen
und Volkshochschulkurse finden in dem Querriegel statt, an
dessen westlichen Seite eine in der Wand verborgene Küchentheke
am Wochenende mit Kaffee und Kuchen für Besucherinnen
und Besucher geöffnet ist.
Komplexes Bauen
Der Stahlbetonbau setzt sich gestalterisch vom Altbestand ab
und erfüllt mit den wasserundurchlässigen Eigenschaften des
Betons die Anforderungen des Überschwemmungsgebiets.
Befreit von jeglicher Technik und Dank einer in den Boden eingelassenen
Quelllüftung können die entsprechenden Betonteile
konform der DIN bei Bedarf – z.B. bei Rissbildung – nachverpresst
werden und so wasserdicht bleiben. Für den Hochwasserfall
während der Bauarbeiten gab es einen Notfallplan: Das
Projekt wäre geflutet worden, um dem Druck von unten mit
Wasser als Beschwerung entgegenzuwirken – eine theoretische
Herausforderung. Nicht gerechnet hatte man hingegen
mit den frühmittelalterlichen Grubenhäusern, die während der
Aushubarbeiten entdeckt wurden. Zwecks archäologischer
Dokumentationen wurde der Bau ein halbes Jahr unterbrochen.
Auch die Klostermauer und die hangseitige Giebelwand der
historischen Scheune mussten kurzerhand gesichert werden.
Die Gebäudesubstanz wurde von Pilzen und Schadstoffen befreit
und behutsam erhalten. Das Gefüge aus Alt und Neu
schafft einen kontemplativen Ort, eine sinnstiftende Enklave in
der Kleinstadt, die ohne den Hauch von Hölderlin wohl verloren
gegangen wäre.

Extrem komplexes Bauen nennt Matthias Siegert, Projektleiter
beim Architekturbüro von m, die Sanierungsarbeiten
am Hölderlinhaus, während er auf Fotos die
prekäre Ausgangsituation zeigt. Der zu erhaltende Bestand
war in desolater Verfassung und dessen schmaler Zugang
machte die Aufgabe auf dem kleinen Grundstück schwierig.
„… doch alt zu werden da, wo alles alt ist, scheint mir schlimmer
denn alles“, formulierte Friedrich Hölderlin einst. Pünktlich
zu seinem 250. Geburtstag war die Sanierung und Erweiterung
des Hauses in Lauffen am Necker, in dem der bedeutende
Lyriker im Jahr 1770 das Licht der Welt erblickte, fertig.
Die zweitgrößte Weinbaugemeinde Württembergs liegt neun
Kilometer südlich von Heilbronn in einer wasserreichen Talschlinge.
Mittelalterliche Strukturen finden sich nicht nur in
der steinernen Burg auf der Flussinsel, der Kirche und der
Stadtmauer, sondern auch in der ehemaligen Klosteranlage
neben Hölderlins Familiensitz, für die sein Vater in zweiter
Generation als Gutsverwalter tätig war. 2015 erwarb ein regionaler
Unternehmer das seit einigen Jahren leerstehende
Haus aus Privatbesitz und schenkte die prominente Liegenschaft
der Stadt, damit diese dort Hölderlin ein Museum
widmete. Zunächst folgten aufwändige Begutachtungen
durch die Bauforscherinnen und Architekten von strebewerk,
der Restauratorin Julia Feldtkeller und den Tragwerksplanern
vom ingenieurbüro grau. Im März 2017 begann von m mit der
Sanierung- und Umbauplanung. Der Bestand glich einem Flickenteppich,
dessen Einzelteile aus 13. bis ins 21. Jahrhundert
datierten. Gebäudeabschnitte und Bausubstanzen unterschiedlichsten
Alters wurden eingehend geprüft. Was war
schon zu Hölderlins Zeit da?


Auf Hölderlins Spuren
Gewiss das Walmdachhaus mit seiner barocken Südansicht
entlang der Straße, an die sich eine Doppelgarage anschloss.
Die Anbausünde wurde im Zuge der Sanierung durch ein in
Holz verkleidetes Technikgebäude ersetzt, das nun mit der
Aufschrift „Hölderlinhaus“ den Museumsort beschildert. Zwischenzeitlich
fungierte die dortige Baulücke als einziger Weg
zur Baustelle, da die übrigen drei Seiten von historischem
Bestand, der Klostermauer und den Weinbergen gesäumt
sind. Rückwärtig schließt das Wohnhaus an eine zur selben
Zeit entstandene steinerne Fachwerkscheune an. Über den
Hof zu erreichen, bildet sie den Museumseingang mit Kassenund
Garderobenbereich. Von hier aus führt der Rundgang
durch die sorgsam restaurierten Räume des ehemaligen
Wohnhauses, in denen Biografie und Werk des Dichters medial
bespielt werden. Handwerkliche Zeugnisse wie die Stuckdecke
im Sommerzimmer, der mittelalterliche Gewölbekeller
oder das historische Treppenhaus mit einem im Angelpunkt
über die Geschosse reichenden, gedrechselten Baumstamm
machen den Besuch zu einem eindrücklichen Erlebnis. Man
bewegt sich müßig durch die Räume, denn wirkliche Schriftund
Schaustücke gibt es nicht. Hölderlin war vier Jahre alt, als
die Familie Lauffen verließ. Folglich entstand sein Werk andernorts,
es wird im Literaturarchiv in Marbach und in der
Württembergischen Landesbibliothek verwahrt.

schwebende Leuchtschrift installiert. Museumskasse und Zugang zum historischen Wohnhaus.
Hölderlinhaus
Architekten
VON M
Rosenbergstraße 67A, 70176 Stuttgart
vonm.de
VON M wird partnerschaftlich von Matthias Siegert und Dennis Mueller geführt. Die bisher realisierten Projekte des Büros erstrecken sich vom
klassischen Hochbau über Innenarchitektur bis hin zu Kommunikation im Raum. Eine offene und unbefangene Herangehensweise an die gestellte Aufgabe charakterisiert die Arbeit. Der interdisziplinäre Ansatz und die Reduktion auf das Wesentliche schaffen dabei ganzheitliche Lösungen. Zu den Projekten des Büros zählten bereits mehrere Wohnungsbauten, kulturelle Einrichtungen und öffentliche Auftraggeber sowie zahlreiche Bauten im Bestand.
Projekte (Auswahl)
2023 Grundschule Fuchshofstraße, Ludwigsburg
2019 Hotel Bergamo, Ludwigsburg
2018 Christuskirche, Kehl
2015 Kinder- und Familienzentrum, Ludwigsburg
2013 Museum Luthers Sterbehaus, Eisleben