PROJEKTREPORTAGE

Deutsches Museum, München

RKW Architektur +, München

Foto: Yohan Zerdoun

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Das Warten der Museumsflotte

  • Text: Therese Mausbach
  • Fotos: Christian Eblenkamp

Der erste Besuch des Deutschen Museums in München bleibt fest im Gedächtnis verhaftet: Das turmhohe Foucault’sche Pendel zeigt die Rotation der Erde an, die „Tante Ju“ schwebt als frühes Beispiel eines Passagierflugzeugs im Raum, und das begehbare Bergwerksmodell reicht über drei Geschosse. Es sind nur drei der insgesamt 28.000 Ausstellungsstücke, die seit langem die neugierigen Blicke von Groß und Klein auf sich ziehen.

Südseite der Luft- und Raumfahrthalle des Deutschen Museums. Aussichtslokal und Blechfassade wurden im Rahmen der Sanierung an den von Sep Ruf entworfenen Bestand angefügt. Foto: Yohan Zerdoun

Für das anspruchsvolle Unterfangen, die Gebäude der weltweit
die 3D-Druckmaschinen zu groß und die Herstellung zu zeitaufwändig
war vergangenen Sommer Halbzeit. Der erste Realisierungsabschnitt ist abgeschlossen. Von nun an gelangen die jährlich rund 1,5 Millionen Besucherinnen und Besucher über die Corneliusbrücke und einen temporären Westeingang zum derzeit geöffneten Teil der Ausstellungen.
Die Dimension der baulichen Maßnahmen war an vielen Stellen
nur schwer einzuschätzen, auch am neuen Interimszugang.
Der Anbau aus Stahlbeton mit zweischaligem Profilbauglas war
zuerst mit einer Kunststofffassade in 3D-Druck geplant worden
(Bauwelt 11.2019). Der bereits getestete Prototyp von 3F
Studio schaffte, trotz großer Bemühungen aller Beteiligten,
nicht den Sprung in die praktische Anwendung, da die erforderliche
Menge der 1 x 1 Meter großen Fassadenelemente für die 3D-Druckmaschinen zu groß und die Herstellung zu zeitaufwändig
war. Der temporäre Zugang wird nach dem geplanten
Abschluss der Generalsanierung 2028 wieder abgebaut.
Dann ist die Ostseite des Gebäudes mit der zentralen Eingangshalle
vom Museumshof wieder zugänglich.


Ein Jahrhundertprojekt

Der Blick aufs Ganze: Inmitten der Insel weitet sich das älteste
Sammlungsgebäude des Deutschen Museums als Vierflügelanlage
mit Mitteltrakten und den der Astronomie gewidmeten
Kuppeltürmen aus. Von der Ferne wirkt die Fassade aus
Stampfbeton steinern und lässt weder erkennen, dass der
Bau als einer der frühesten deutschen Stahlbetonkonstruktionen
gilt, noch passt sein Erscheinungsbild in die progressive
Zeit seiner Fertigstellung 1928. Grund dafür mag der damals
langwierige Bauprozess gewesen sein.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist CE734-030-1.jpg


Der Elektro- und Wasserbauingenieur Oskar von Miller gründete
1903 das technische Nationalmuseum, um der Ingenieurskunst
und den naturwissenschaftlichen Entdeckungen zu
einem höheren gesellschaftlichen Ansehen zu verhelfen.
Umflossen von der wilden Isar wurde 1906 auf der ehemaligen
Kohleninsel in der Maxvorstadt der Grundstein gelegt. Als die
Gebäudehülle 1914 vollendet war, geriet die Realisierung von
Gabriel von Seidls historisierendem Museumsentwurf ins
Stocken. Krieg und Inflation führten dazu, dass der Bau erst
vierzehn Jahre später öffentlich zugänglich wurde. Nahtlos
setzte sich dann 1928 die Inselbebauung auf der Nordseite des
Vorplatzes des museumseigenen Bibliotheksbaus mit dem
Kongresssaal fort. Im Nationalsozialismus entstand auf der
Südseite eine Autohalle. Großflächig bombardiert, wurde das
Museum im Zweiten Weltkrieg zu einer Ruine. Achtzig Prozent
der Sammlungen waren zerstört. Fotos zeigen ausgebrannte
Hallen, in die es hineinschneit. Ihr Wiederaufbau gliederte sich
in mehrere Phasen. Zuerst wurden Bibliothek und Kongresssaal
repariert, um mit der Vermietung Einnahmen für den
Wiederaufbau der stärker betroffenen Sammlungsräume zu
erwirtschaften. So konnte die Gebäudesubstanz der Abteilungen
schrittweise wiederhergestellt und anschließend das Innere
neugestaltet werden. 1984 fand mit der Eröffnung der
Luft- und Raumfahrthalle, entworfen von Sep Ruf, die letzte
Erweiterung, im Südwesten, statt, zu der nun der temporäre
Eingang führt.

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Von der Kohlen- zur Museumsinsel. Die neue Blechfassade ist in der Südansicht
erkennbar. Foto: Bernd Wackerbauer


Generalsanierung

Das Museum, eine private Anstalt öffentlichen Rechts, die dem
Freistaat Bayern unterliegt, hat inzwischen fünf Niederlassungen,
nicht nur in München, sondern auch in Bonn und Nürnberg.
Der 30.000 Quadratmeter große Sammlungsbau des
Museums auf der Insel ist im letzten Jahrhundert – ohne Bibliothek und Kongresssaal – kontinuierlich auf 70.000 Quadratmeter
angewachsen, als Flaggschiff einer ganzen Museumsflotte.
Mit Sep Rufs Schlussstein traten erhebliche Brandschutzprobleme
wegen fehlender Sprinkleranlagen auf. Sie
waren zusammen mit zu großen Brandabschnitten Ausgangspunkt
für die Grundsanierung, an der sich zahlreiche Großkonzerne
wie Bosch, Thyssenkrupp, Siemens oder BMW beteiligt
haben. Hauptsächlich finanzieren aber Bund und Land
die notwendige brandschutztechnische und zusätzlich statische
Überarbeitung der Bauten. Außerdem wurde rund um
das Museum eine Hochwasserdichtwand errichtet. Nach
umfangreichen Prüfungen der Tragfähigkeit begannen die Arbeiten des 2013 beauftragten Architekturbüros SSP, Schmidt-
Schicketanz und Partner. Wegen Insolvenz übernahm das Büro
RKW Architektur+ im Sommer 2019 die Großbaustelle.

Die Ausstellungsräume der südwestlichen Trakte wurden weitestgehend
geräumt und auf den Rohbauzustand zurückgebaut.
Einige Objekte konnten aber aufgrund ihres Gewichts,
ihrer Größe oder ihrer Instabilität nicht verschoben werden.
Durch neu entstandene Bereiche für die Haustechnik, öffentliche
Zwischenzonen sowie das hinzugekommene Terrassenrestaurant
auf der Südseite der Luft- und Raumfahrthalle verringerte
sich die Ausstellungsfläche. Das bot die Gelegenheit,
die Ausstellungsfelder im Haus entsprechend anzupassen und
teilweise thematisch neu zu sortieren. In der Musikabteilung
rekonstruierte man die historische Stuckdecke des Orgelraums.
Dort wurde neben der unauffällig integrierten Sprinkleranlage
noch eine Besonderheit umgesetzt. Für einen optimalen
Klang der Instrumente wurden Decken und Wände akustisch
ertüchtigt. Die neu eingefügte Freitreppe im Atrium der Luftund
Raumfahrthalle macht es möglich, die drei Galerien der
Flugobjekte direkt zu erschließen. Ihre Südfassade greift durch
anthrazitfarbene Blechpaneele mit gestanzten Wölbungen das
kosmische Thema des Aussichtslokals „Frau im Mond“ auf und
verkleidet die Erweiterung der Gastro-Terrasse und des angefügten
Fahrstuhls. Ein vager Bezug zum Universum und zum
Museumsort, doch da das Erscheinungsbild des Museums aus
der Ferne nicht beeinträchtigt wird, zeigte sich der Denkmalschutz
mit der Lösung einverstanden.

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Historischer Dampfbackofen

Zehn Innenarchitekturbüros wurden für die Gestaltung der
neunzehn nach dem ersten Realisierungsabschnitt eröffneten
Ausstellungsräume von den zuständigen Kuratoren beauftragt.
Die Abteilungen unterscheiden sich untereinander bis
hin zur Museumsbank. Abgesehen von den an den Bestand
angelehnten hohen Holztüren und dem einheitlichen grauen
Gussboden, ist kein museumsübergreifendes Gestaltungskonzept
erkennbar. Derzeit läuft die zweite Hälfte der Generalsanierung
im Nordosttrakt an. Dort sind weitere fünfzehn
bis siebzehn Ausstellungsräume geplant. Laut der Bauabteilung
des Museums wurde wegen veränderter Rahmenbedingungen
der Auftrag neu ausgeschrieben. Die bisherigen Planer
RKW Architektur+ bewarben sich nicht. Den Zuschlag erhielt
das auf die Leistungsphase 5–8 spezialisierte Planungsbüro
CL MAP. Das zwei Tonnen schwere Fernrohr ist bereits mit
dem Kran aus der geöffneten Kuppel der Oststernwarte herausgehoben
worden.

Architekten

RKW Architektur +

Tersteegenstraße 30, 40474 Düsseldorf

rkw.plus

RKW Architektur + arbeitet seit 1950 mit einem internationalem Team von heute 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im weiten Spektrum der Lebens- und Arbeitswelten. RKW bietet privaten und öffentlichen Bauherren ein  umfassendes Angebot in sämtlichen klassischen Leistungsphasen plus Generalplanung, Bau- und Qualitätsmanagement, BIM-Planung sowie Projektentwicklung, Moderation und Beratungsleistungen. Der Hauptsitz von RKW ist Düsseldorf, weitere Standorte sind Münster, Leipzig, Berlin, Dortmund und München.

Projekte (Auswahl)

2022 iCampus, München

2021 ID/Cologne, Köln

2018 Crown, Düsseldorf

2016 Skulpturenhalle, Neuss

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